07.04.2020

Museumsgeschichten: Ins Licht gerückt - Textiles

Mit den Museumsgeschichten möchte das Museum auf digitalem Wege bedeutsame Gegenstände und interessante künstlerische Positionen aus seiner Sammlung und seinen Ausstellungen präsentieren. Heute: Ins Licht gerückt - Textiles.

Installationsansicht der Sektion „Textiles“ in der Ausstellung „Ins Licht gerückt“, (v.l.n.r.) Edith Müller-Ortloff, „Inneres Leuchten“, 1965-1970; Barbara Zoch Michel, „Verhüllter Reichstag“, 1995; Ursula Kaiser, „Großes amerikanisches Sofa II“, 1985

Die Ausstellung „Ins Licht gerückt“ im Museum Biberach macht den besonderen Beitrag von Künstlerinnen zum Kunstgeschehen im 20. Jahrhundert in Oberschwaben sichtbar. Neben Malerei, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen widmet sich eine Sektion der Ausstellung der Textilkunst als künstlerischer Technik. Weibliche Kreativität wurde bis weit ins 20. Jahrhundert häufig auf das Gebiet des Kunsthandwerks abgedrängt. Doch das überkommene Klischee des malenden oder bildhauerisch tätigen, autonomen Künstlers auf der einen Seite und der webenden oder strickenden Künstlerin des angewandten, kunsthandwerklichen Bereichs auf der anderen Seite übersieht die große Bedeutung, die der Einsatz und Einfluss textiler und anderer handwerklicher Materialien auf die Entwicklung der abstrakten Kunst gespielt hat. Aus diesem Grund wurde in der Ausstellung der Fokus verändert und auch künstlerisch ambitionierte Weberinnen, Keramikerinnen oder Hinterglasmalerinnen aufgenommen.

Im 20. Jahrhundert kann das Textile als eine der wesentlichen Triebfedern der künstlerischen Avantgarde bezeichnet werden, denn der Ausstieg aus dem Tafelbild und die Abwendung von der gegenständlichen Abbildung hin zur abstrakten Kunst vollzogen sich oftmals in enger Verbindung von Malen und Weben, Farbe, Stoff und Material. Zahlreiche Künstlerinnen haben eine unmittelbare Beziehung zu Textilien entwickelt. Textile Materialien werden ihnen zum Motiv und zum gestalterischen Rohstoff. Sie malen, zeichnen und fotografieren sie. Sie verwenden sie als Gewebe für Collagen, formen daraus Wandbehänge und Skulpturen und verwandeln sie in abstrakte Gemälde. In der künstlerischen Bearbeitung wird aus der ursprünglichen Nähe zum Material eine analytische Distanz.

Manche dieser Künstlerinnen galten zu ihrer Zeit als Hidden Champions, als kaum bemerkte Meisterinnen mit nationalem und internationalem Renommee. Edith Müller-Ortloff (1911-1994) gilt als eine Erneuerin der Bildteppichkunst. Ihre per Hand nach eigenen Entwürfen in sechs klassischen Textilkunsttechniken gefertigten Bildteppiche befinden sich neben Deutschland in Frankreich, Griechenland, Holland, Luxemburg, Schweiz, Indien, Iran, Japan, Australien und der Türkei.

Barbara Zoch Michel (*1943) widmet sich in ihren Fotografien insbesondere architektonischen Strukturen und begleitete unter anderem fotografisch die Verhüllung des Reichstags durch Christo und Jeanne Claude. Stets arbeitet sie mit natürlichem Licht und sucht dabei gerne Nebelstimmungen, das Licht des Winters oder der frühen Morgenstunden. Sie bevorzugt das quadratische Format und Farben.

Die Analyse von Strukturen und Mustern steht auch im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens von Ursula Kaiser (*1934). Ausgangspunkt für die in der Ausstellung gezeigte großformatige Zeichnung ist ein Werbeprospekt, den die Künstlerin während eines Aufenthalts in den USA sah. Auf ihm befand sich die Abbildung eines Sofas, jedoch waren die Farben und das kleinteilige Muster beim Druck nicht passgenau übereinandergesetzt worden und minimal verrutscht. Damit zeigte das Sofa die typischen Eigenschaften eines gedruckten und gerasterten Abbildes – den charakteristischen Farbstich, die optischen Verzerrungen, die fehlende Schärfentiefe. Diese fotorealistische Kunst gibt keine Wirklichkeit wieder, sondern das gedruckte Abbild von Wirklichkeit.

Museum Biberach, Museumstraße 6, 88400 Biberach, 07351/51-331, museum@biberach-riss.de, www.museum-biberach.de