16.05.2020

Museumsgeschichten: Einblicke in die Braith-Mali-Ateliers

Mit den Museumsgeschichten möchte das Museum auf digitalem Weg besondere Kostbarkeiten, Kuriositäten oder Seltenheiten aus der Museumssammlung und künstlerische Positionen präsentieren. Heute: Einblicke in die Braith-Mali-Ateliers.


Die im Jahr 1908 in den Hospital zum Heiligen Geist eingebauten historischen Atelierräume der Münchner Kunstmaler Anton Braith (1836-1905) und Christian Mali (1832-1906) lieferten nicht nur den Grundstock für die Kunstsammlung des Biberacher Museums, sondern sie stellen heute die einzigen weitgehend vollständig erhaltenen Künstlerateliers des 19. Jahrhunderts dar und sind damit ein Kulturdenkmal ersten Ranges. Im Jahr 2005 wurden sie ins Denkmalbuch des Landes Baden-Württemberg eingetragen.

Wertvolle Möbel und prunkvolles Interieur, die Wände über den Holzvertäfelungen gefüllt mit hunderten aufwendig gerahmten Gemälden, dazwischen ein buntes Sammelsurium an Objekten unterschiedlichster Herkunft: Das sollen die Ateliers zweier bekannter Künstler sein? Wurde hier wirklich gemalt?

Anton Braith und Christian Mali waren in der Tat Ateliermaler. Auch wenn ihre Ölbilder nach der Natur gemalt sind, so entstanden sie nicht im Freien. Die Künstler machten sich vor Ort lediglich Skizzen und kleine Ölstudien und komponierten die Gemälde anschließend im Atelier.

Ob sie jedoch in den im Museum Biberach zu sehenden Räumlichkeiten gemalt haben, ist fraglich. Insbesondere für die großformatigen Gemälde war hier schlicht kein Platz. Hierfür besaßen sie zusätzliche Räume, die auch vom Licht besser als Werkstatt geeignet waren.

Die repräsentativen Atelierräume dagegen hatten eine Funktion, die mit der Bezeichnung „Kunstsalons“ besser umschrieben wird. Denn die Räumlichkeiten waren nicht zum einsamen Malen an der Staffelei gedacht, sondern sie dienten der öffentlichen Inszenierung ihrer Kunst.

München galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als künstlerische Hauptstadt Deutschlands mit der akademischen Tier-, Landschafts- und Genremalerei als dominierendem Stil. Der Tiermaler Anton Braith, der in Biberach geboren war, und sein Partner Christian Mali gehörten zu den anerkannten Münchner Malern, die es zu großem Wohlstand gebracht hatten.

Diesen gesellschaftlichen Status zeigten sie auch in ihren Kunstsalons. Damit waren sie nicht allein. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts waren die zahlreichen Künstlersalons in München zu einer Bühne des gesellschaftlichen Lebens geworden. Die Künstler demonstrierten mit Einladungen, Diners, Musikabenden und Festen ihrem Publikum eine Welt des Geschmacks und des Prunks – je wohlhabender sie waren, desto aufwendiger.

Da es in jener Zeit noch keine Galerien im heutigen Sinne gab, waren die Kunstsalons Ausstellungsorte und Schauräume, in denen die Künstler ihre Werke in dekorierten Wohnräumen präsentierten, um ihren Käufern zu zeigen, wie ihre Gemälde mit dem bürgerlichen Interieur zuhause zusammenpassen würden. Auch sollte die Wirkung der Bilder durch die reiche Atelierausstattung unterstützt werden.

So wurden die Kunstsalons zu einer Art Werbestudio und die Künstler zu avancierten Sammlern. Das Sammlungsinteresse von Braith und Mali umfasste unterschiedliche Epochen und Kontinente. Charakteristisch war die Stilvielfalt. Altes wurde mit Neuem kombiniert, Europäisches mit Orientalischem oder Afrikanischem, ein scheinbar planloses und doch wohl berechnetes Durcheinander. Das Künstleratelier wurde schließlich zum Vorbild für einen ganzen Einrichtungsstil, den man „Atelier-Stil“ nennt.

Braith und Mali vermachten ihren Nachlass der Stadt Biberach, sodass ihre Ateliereinrichtung von München nach Biberach transportiert wurden. Dass sich die Kunstsalons heute hier befinden, ist ein Glücksfall, denn in München wären sie wohl in den 1920er Jahren der Modernisierung, sprich Entrümpelung vieler gründerzeitlicher Innenräume zum Opfer gefallen und hätten die Bomben des Zweiten Weltkriegs nicht überlebt.

Damit werfen sie ein Schlaglicht auf eine im Verschwinden befindliche Zeit: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde der akademische Stil des Realismus von einer jüngeren Künstlergeneration zunehmend kritisiert und schließlich von den künstlerischen Avantgardebewegungen der Moderne abgelöst. Somit zeigt das Museum Biberach mit den „Braith-Mali-Ateliers“ einen Blick in die versunkene Salonwelt der Ateliermalerei des 19. Jahrhunderts.

Mali Atelier