20.05.2020

Museumsgeschichten: Biberach - Die Stadt der Biber

Mit den Museumsgeschichten möchte das Museum auf digitalem Weg besondere Kostbarkeiten, Kuriositäten oder Seltenheiten aus der Museumssammlung und künstlerische Positionen präsentieren. Heute: Biberach - Die Stadt der Biber.

Die Kleinstadt Biberach ist europaweit die größte Stadt mit dem Biber in Namen und Wappen. Wohl schon vor mehr als 1.000 Jahren – so alt ist der Ortsname – wurde Biberach nach dem Biber benannt. Biber-Ach oder Biber-Aue bedeutet „Fluss der Biber“. Topgrafisch kann man sich Biberach – wenn man die Stadt wegdenkt – als Biberparadies vorstellen. In vorgeschichtlicher Zeit war das Rißtal ein großer Sumpf. Von Süden mäanderte die Riß. Von Südwesten floss der Rotbach durchs Wolfental und mündete am Rand der heutigen Altstadt in die Riß ein. Den Rotbach nannte man auch Biberbach. Die wasserreiche Landschaft war wie prädestiniert für den Biber.

Das hat die Stadt geprägt. Sie trägt den Biber nicht nur im Wappen, seit Jahrhunderten hing ein Biberpräparat im Ratssaal. (Es befindet sich heute im Museum.) Die Bürgerwehr und viele Zunftzeichen zeigten Biberembleme. Bis heute ziert das Biber-Logo die offiziellen Druckwerke der Stadt. Die hiesige Football-Mannschaft heißt: The Beavers und der Biberacher Öko-Kaffee: Biber-Bohne. Ein Verein lokaler Einzelhändler gibt die Biber-Card aus. Einer der beliebtesten Bierkeller ist der Biberkeller. Die Filmfestspiele verleihen den Goldenen Biber. Und die eingesessenen Biberacher nennen sich Ur-Biber. Der Biber in Biberach scheint allgegenwärtig, nur das Tier kannte seit Menschengedenken niemand mehr. Spätestens um 1830 waren Biber in Biberach ausgerottet. Erst seit knapp 20 Jahren sind sie wieder da.

Es ist eine Sensation des Naturschutzes. Nach Jahrhunderten der erbarmungslosen Jagd war der Biber in Europa beinahe ausgerottet. 1966 wurde er im Bayerischen Wald wiedereingebürgert und breitete sich allmählich aus. Zu Beginn der 1990er Jahre wanderte er entlang der Donau nach Baden-Württemberg ein, 1999 erreichte er den Landkreis Biberach und 2001 Biberach. Dabei ist die Riß im Stadtgebiet wahrlich keine Aue mehr, sondern ein begradigter, kaum baumbestandener Wasserlauf. Dennoch gibt es inzwischen mehrere Biberfamilien in Biberach. Der Biber wird zum Kulturfolger. Jedenfalls kommt er uns durchaus nahe. Wir können uns fragen, ob das ratsam für ihn ist, aber das ist theoretisch, denn Alternativen bieten sich dem Biber kaum. Es gibt einfach nicht mehr genug Natur.

Viele Naturfreunde – insbesondere Städter – sind fasziniert von diesem fremdartig wirkenden, aber sympathischen Tier. Wiewohl der Biber urtümlich und beinahe grotesk aussieht – mit seinem verhornten, keulenförmigen Schwanz, der so genannten Kelle, mit seinen enormen orange gefärbten Nagezähnen und mit seinen behäbigen Bewegungen –, ist er eines der intelligentesten Nagetiere. Sein Großhirn ist gut entwickelt, seine Vorderpfoten sind geschickt wie wirkliche Hände und seine Anpassungsfähigkeit, seine handwerkliche Geschicklichkeit und Gestaltungskraft sind bemerkenswert.

Bei Nacht und im Verborgenen schafft „Meister Bockert“, wie er in der Fabel heißt, als Bäumefäller und Wasserbauer lichte Landschaften. Binnen weniger Jahre macht er monotonen Entwässerungsgräben und begradigten Flussläufen lebendige Auen. Mit seinen Dämmen erhöht oder reguliert er unzureichende oder schwankende Wasserstände. Hinter seinen Dämmen entstehen so genannte Biberteiche und feuchte Randbereiche, ideal für Schlangen, Frösche und Molche und eine Brutstätte für Insekten. Ihre Larven ernähren Barben und Forellen. Der hohe Fischbestand lockt den Eisvogel an, später sogar den Schwarzstorch oder den Fischotter. Unter dem Einfluss der Biber steigt die Artenvielfalt. Ihre Gestaltungskraft macht manche teure Maßnahme zur Renaturierung unnötig.

Doch betroffene Landwirte sehen das oft anders. Die Fraßschäden der Biber bleiben gering, aber Biberdämme können landwirtschaftliche Flächen überfluten. Bibergräben oder -röhren können die Ernte erschweren und ein Befahren mit Maschinen gefährlich machen. Straßen oder Bahngleise können unterhöhlt werden und einbrechen. Auch die Fällaktivität des Bibers ist unerwünscht. Gefällte Bäume können auf Stromleitungen, Gebäude oder Fahrzeuge fallen.

Deshalb ist mit dem Wiedereinwandern der Biber das „Bibermanagement“ nötig geworden. Ein widersinniger Begriff. Das Management benötigen nicht die Biber – die kämen ohne uns gut zurecht –, sondern aufgebrachte Landwirte und Forstwirte, die durch die Tätigkeit der Biber zu Schaden kommen. In Deutschland besteht bei Schäden durch wildlebende Tiere kein Rechtsanspruch auf Schadensersatz. In Bayern wurde deshalb ein staatlicher Ausgleichsfonds geschaffen, in Baden-Württemberg fehlt das bislang, obwohl sich die Konflikte mehren. Im Landkreis Biberach leben heute bis zu 1.500 Biber.

Wir sind erst am Anfang. Die Biberbestände werden zunehmen. Dabei ist das keine Invasion. Biber haben keine Fortpflanzungsrate wie Mäuse. Es kommt nur zu einem Wurf pro Jahr, von dem oft nur ein Junges überlebt. Obwohl natürliche Feinde wie Wolf oder Luchs fehlen, muss der Biber nicht bejagt werden. In naturnahen Lebensräumen stellt sich ein Gleichgewicht ein, bei dem die Population der Regenerationsfähigkeit des Lebensraumes entspricht. Aber hier liegt der Hase im Pfeffer, oder der Biber liegt im Weidendickicht: Es gibt zu wenige naturnahe Flusslandschaften, und deshalb kommt der sich langsam ausbreitende Biber uns Menschen zu nahe.

Die Frage ist: Können wir das aushalten? Können wir die Vorteile erkennen, die uns diese Tierart verschafft? Wir reden oft von Nachhaltigkeit. 95 Prozent der Konflikte mit Bibern treten in einem schmalen Streifen von 20 Metern entlang der Gewässer auf. Eine langfristige Konfliktlösung kann nur bedeuten: Mehr Raum für Gewässer und Ufer! Möglichst viele landwirtschaftliche Flächen in Ufernähe sollten von Kommunen und Ländern gekauft oder getauscht werden. Dies wird bereits betrieben.

Biber