24.12.2020

Museumsgeschichte: Das Biberacher Christkind

Mit den Museumsgeschichten möchte das Museum auf digitalem Weg besondere Kostbarkeiten, Kuriositäten oder Seltenheiten aus der Museumssammlung und künstlerische Positionen präsentieren. Heute: Das Biberacher Christkind.

Während im katholischen Oberschwaben schon seit dem 17. Jahrhundert an Weihnachten zum Teil große und kostbare Barockkrippen aufgestellt werden, besonders in den Klöstern, pflegt man in der mehrheitlich evangelischen Stadt Biberach eigene Weihnachtsbräuche: das Kindlewiegen, das Weihnachtssingen und das Christkind-Herablassen. (Weihnachtskrippen kommen in Biberach erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf.)

Das Christkind-Herablassen oder „Christkindle-Ralau“ geht auf den Kronapotheker und Schützendirektor Georg Friedrich Stecher (1767-1838) zurück, der ab etwa 1820 alljährlich am Heiligen Abend ein Christkind aus einem Fenster seines Hauses in der Hindenburgstraße herablässt, ein „freundliches Symbol“ zur Veranschaulichung der „Herabkunft des göttlichen Erlösers“. Konditor Ruppert führt den Brauch 1864 in der Gymnasiumstraße weiter. Danach folgt Konditor Keller.

Weil sich immer mehr Menschen einfinden, übernimmt im Jahr 1904 der Hospital zum Heiligen Geist diesen Weihnachtsbrauch und verlegt ihn in den Hospitalhof. Dafür wird eine kostbare Gliederpuppe mit Porzellankopf angeschafft und in ein rosa Sternengewand gekleidet. Beim weihnachtlichen Herablassen im Hospitalhof aus einem der hochgelegenen Kranerker soll es von einem Lichterkranz umgeben gewesen sein, der damals vermutlich schon elektrisch beleuchtet war. Dieses Christkind wird heute im Museum verwahrt und jedes Jahr in der Weihnachtszeit ausgestellt.

Seit 1960 findet das Christkind-Herablassen mit einem neuen Christkind auf dem Marktplatz statt. Der Weihnachtsbrauch ist inzwischen zu einem Ereignis geworden, zu einem Happening und Zusammenkommen der Stadtgemeinde kurz vor der Bescherung. Das neue Christkind stammt von dem Biberacher Bildhauer Georg Lesehr (1906-1995). Im Museum befindet sich das Gipsmodell.

Bis heute versammeln sich tausende Biberacher an Heiligabend um 17 Uhr auf dem Marktplatz. Der festlich erleuchtete Christbaum sowie die Schaufenster- und Giebelbeleuchtung der umliegenden Geschäfte geben gerade genug Licht, damit die Vertreter des Hospitalrats Lebkuchen an die Kinder verteilen können. Die Anwesenden warten darauf, dass um 17.30 Uhr alle Lichter erlöschen. Dann intoniert (u.a.) die Stadtkapelle das „Biberacher Pastorale“ und im Anschluss einige Weihnachtslieder.

Zu den Klängen von „Stille Nacht“ erscheint im Giebel der Gutermannschen Häuser das Biberacher Christkind. Die beleuchtete Figur schwebt langsam den Giebel herab, stoppt zu „Herbei, o ihr Gläubigen“ über den Köpfen und entschwindet zu „Wie können wir Vater der Menschen Dir danken“ von Justin Heinrich Knecht (1752-1817) wieder nach oben – so scheint es – in den Himmel. Dann läuten die Kirchturmglocken und die Marktplatzbeleuchtung wird wieder angeschaltet. Aufs Weihnachtsfest eingestimmt kehren die Menschen nach Hause zurück.

Das Christkind-Herablassen ist also ein in Jahrhunderten gewachsener, eigenständiger Biberacher Weihnachtsbrauch. Er sagt viel aus über das Selbstverständnis und Zusammengehörigkeitsgefühl Biberacher Bürger, die viele ihrer überlieferten Traditionen, Feste und Institutionen mit Enthusiasmus pflegen und bewahren.

Auch das Christkind-Herablassen macht diese Kleinstadt lebenswert und liebenswert. Dabei ist es historisch interessant, in welch schlimmen Zeiten Kronapotheker Stecher das Christkind-Herablassen erfunden hat: Um 1820 sind die Verheerungen der Napoleonischen Kriege noch in deutlicher Erinnerung. 1816/17 folgt nach einer großen Missernte eine schwere Hungerkrise.

Ein Hochwasser an Pfingsten 1817 überflutet die Biberacher Innenstadt. Und nicht von ungefähr suchen kurz danach 1818/19 bis heute berüchtigte Räuberbanden ganz Oberschwaben heim.

Kronapotheker Stecher (1767-1838), der ein engagierter Biberacher Bürger gewesen ist (als Schützendirektor und Direktor der Vereinigten Bürgerlichen Komödiantengesellschaft im Vereinswesen überaus aktiv), stellt sich dem entgegen und will den Familien und Kindern in seiner Nachbarschaft an Weihnachten eine besondere Freude machen.

Danach möchten viele Biberacher diese weihnachtlich gläubige Zuversicht und Frohbotschaft nicht mehr missen, bis heute.

Das Biberacher Christkind, Gliederpuppe mit Biskuit-Porzellankopf, Spielwarenfabrik Johann Daniel Kestner, Thüringen, um 1910, Museum Biberach