23.09.2017

Fidelio

Beethovens Oper „Fidelio“, die vom Kulturamt der Stadt Biberach produziert wird, feiert am Samstag, 23. September, um 19.30 Uhr in der Stadthalle Biberach Premiere. Biberachs Kulturdezernent Dr. Jörg Riedlbauer spricht im Interview über Oper in Biberach und aktuelle Bezüge von „Fidelio“.

Herr Riedlbauer, die Stadt Biberach ermöglicht im dreijährigen Turnus die Produktion einer eigenen Operninszenierung. Das muss Sie als bekennenden Opernliebhaber doch stolz machen.
Das macht mich sogar sehr glücklich, vor allem, dass das vor sechs Jahren mit dem „Wildschütz“ gestartete Experiment so toll aufgenommen worden ist, und zwar bei den Akteuren wie beim Publikum. Mit den „Lustigen Weibern von Windsor“ vor drei Jahren haben wir in vier nahezu ausverkauften Vorstellungen über 2000 Leute erreicht, und schon gegen Ende der Aufführungsserie wurde ich von Zuschauern und den Sängern geradezu bestürmt mit der Frage, was wir denn 2017 machen würden. Schon damals wollte ich einen Bezug zum 200. Todestag von Knecht herstellen und dachte an eines seiner Singspiele. Das hätte allerdings erst einmal einen immensen editorischen Aufwand bedeutet, da Knechts Bühnenwerke nur handschriftlich überliefert sind. Also fiel die Wahl auf Beethovens „Fidelio“, der trotz seiner dramatischen Handlung aufgrund der gesprochenen Dialoge der Gattung des Singspiels zuzuordnen ist – und dank der Herren Wieland und Knecht sind wir nun einmal die deutsche Singspielstadt. Mit solch einem kulturellen Erbe kreativ umgehen zu dürfen, ist Segen und Verpflichtung zugleich.

Inwiefern steht Beethovens einzige Oper in engem musikalischen Zusammenhang mit dem Schaffen Justin Heinrich Knechts?
Beethovens Schaffen insgesamt steht in diesem Zusammenhang. Teilweise gibt es frappierende motivisch-thematische Übereinstimmungen, beispielsweise zwischen Knechts erster Klavier-Sonatine und Beethovens Thema der „Erocia“-Variationen, desgleichen zwischen Knechts „Portrait musical de la nature“ und Beethovens Pastoralsymphonie. Auch manche der musikalischen Gestaltungsprinzipien ähneln sich, so die Verwendung der alten Kirchentonarten in Knechts „Orgelschule“ und Beethovens vergleichbarem Verfahren im „Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit“, dem dritten Satz seines späten a-Moll-Streichquartetts op. 132. Natürlich war Beethoven nie in Biberach, um Knechts Werke zu hören. Gleichwohl waren ihm einige bekannt, denn viele von Knechts Kompositionen wurden im ganzen deutschsprachigen Raum durch führende Verlagshäuser verbreitet, unter anderem auch durch Beethovens späteren zentralen Verleger Breitkopf & Härtel in Leipzig, wo auch die „Orgelschule“ erschienen war, von der sich nachweislich ein Exemplar in Beethovens Nachlass gefunden hatte.

Fidelio aus Biberach: das Orchester, der Projektchor, die Solisten, die Regie, ja sogar die Kostüme: alles sozusagen aus eigener Produktion. Wunderbar! Aber liegt darin nicht auch ein Risiko, was die Qualität betrifft?
Erfreulicherweise nicht, weil es abermals gelungen ist, eine tolle Mannschaft aus begeisterten Amateuren und Profis zusammenzustellen. Laien- und Schulchöre aus Biberach und der näheren Umgebung sind genauso dabei wie Solisten, die sonst auf großen Bühnen wie der Wiener Volksoper oder bei den Bayreuther Festspielen singen. Und sie alle haben große Lust auf das Projekt, sind neugierig, sich auf die Inszenierung einzulassen. Und es ist einfach ein wunderbarer Ensemblegeist, der sich hier alle drei Jahre manifestiert, um die vor über 200 Jahren in Biberach ins Leben gerufene Bürgeroper frisch und lebendig neu erblühen zu lassen.

Regisseurin Corinna Palm ist bekannt dafür, dass sie in ihren Inszenierungen aktuelle Bezüge schafft. Ist dies bei Fidelio auch so?
Darauf haben wir uns schon in den ersten Planungsgesprächen verständigt, und diese halte ich gerade für den Fidelio für richtig und wichtig. All die Themen, die Beethoven hier aufgreift, gibt es nach wie vor: Diktatoren, die ein Terrorregime führen und politische Gefangene halten, sie auch, wenn es zu heikel wird, verschwinden lassen. Willige Vollstrecker, die das System am Laufen halten und versuchen, trotzdem für sich zu Hause ihre behaglich-familiäre Idylle zu pflegen. Frauen, die für ihre inhaftierten Männer alles geben und sogar das Risiko nicht scheuen, sich zur Rettung des Partners in das gefährliche Machtgefüge undercover einschleusen lassen. Und wie das gerade junge Menschen unserer Zeit bewegt, zeigen mir die Statements aus den Reihen der Schulchöre vom Pestalozzi- und Wieland-Gymnasium. Die Aussage vom Fidelio geht uns alle an – bis heute.

 

Die Solisten Julia Borchert (Leonore), Hubert Schmid (Florestan), Petteri Falck (Pizarro), Markus Raab (Rocco) bei der Probe in der Bruno-Frey-Musikschule Biberach. Foto: Georg Kliebhan; © Georg Kliebhan