23.01.2019

Norbert Zeidler ist seit 20 Jahren im Amt des (Ober-)Bürgermeisters

Immer geerdet und authentisch bleiben
Seit dem 18. Januar 2019 ist Norbert Zeidler 20 Jahre lang Bürgermeister. Amtseinsetzung war am 21. Januar. Anlass für einen Rückblick. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen, Hoch- und Tiefpunkte und auch über Persönliches.
Norbert Zeidler als junger Bürgermeister in seinem Büro im Rathaus Remshalden.

Herr Zeidler, es geht das Gerücht um, dass Bürgermeister pro Amtsjahr ein Kilo zunehmen. Können Sie das bestätigen?

Also, ich kann durchaus bestätigen, dass die Leichtigkeit des Seins mit den Amtsjahren nicht zunimmt und man einer permanenten Gefahr ausgesetzt ist, doch etwas zu sehr schreibtischgebunden, somit sesshaft und damit körperlich erfüllt zu sein. Die Kiloangabe kann ich auf keinen Fall bestätigen. Den Kampf mit der Waage allerdings schon.

Am 18. Januar 1999 haben Sie Ihren Dienst in Remshalden angetreten. Sie waren damals 31. Mit welchen Gefühlen, mit welchen Eindrücken geht man als junger Schultes an so eine Aufgabe heran?

Wenn ich die Bilder von damals sehe, war ich doch noch „a rechts Buale“. Ich hatte kurz vor meinem Amtsantritt geheiratet. Insofern war ich persönlich gefestigt, was in meinen Anfangsjahren in Remshalden auch durchaus erforderlich war. Meiner Wahl war ein sehr, sehr heftiger Wahlkampf vorausgegangen. Ich bin auf eine tief gespaltene Gemeinde gestoßen. Da war einiges zu beruhigen und zu befrieden.

Wahlkämpfe müssen Sie offenbar nicht fürchten. Ihre Wiederwahl in Remshalden erfolgte mit 99 Prozent, Ihre Wahl in Biberach mit über 70 Prozent. Gibt es Tipps?

Also, zunächst einmal ist das oberste Prinzip: immer demütig, gut geerdet bleiben. Wahlen sind nicht berechenbar. Es gilt vor allem authentisch zu bleiben, sich nicht verdrehen zu lassen, auf alle Gesprächspartner gleichermaßen zuzugehen und freilich auch, eine anständige Arbeit zu machen, die eine Kommune weiterbringt.

Wenn Sie zurückblicken: Was hat sich in diesen 20 Jahren geändert?

Die Rahmenbedingungen haben sich extrem verändert: Digitalisierung, Globalisierung – das findet auch und gerade in den Kommunen statt. Die kommunale See ist deutlich rauer geworden. Es gibt zunehmend Bürger – siehe auch Stuttgart 21 oder der Hambacher Forst – die nach dem Motto handeln: „Der Zweck heiligt die Mittel!“

Woran liegt das?

Faktisch wird alles komplizierter und vor Veränderungen haben viele Menschen Angst. Kaum jemand macht sich allerdings die Mühe, die Komplexität der Dinge zu erfassen – im Gegenteil: Die Antworten und Forderungen werden immer platter. Der Niedergang der Umgangsformen beschäftigt mich sehr stark. Die Wörter „Bitte“ und „Danke“ existieren kaum noch. Ich bitte, das richtig zu verstehen, Obrigkeitshörigkeit muss Vergangenheit sein. Aber auch bei Meinungsverschiedenheiten sollte man höflich und korrekt miteinander umgehen. Sowohl ich als auch viele meiner Mitarbeiter müssen mit deutlich rüderen Tönen zurechtkommen.

Aber Ihnen macht der Beruf nach wie vor Spaß?

Auf jeden Fall. Ich würde auch heute nochmals diesen Beruf ergreifen wollen. Ich ziehe durch nichts mehr Energie als im Umgang mit Menschen. Das Amt gibt dir die Chance, menschlichem Freud und menschlichem Leid sehr nahe zu sein. Letzteres leider erst vor Kurzem auf besonders schreckliche Art und Weise. Du übernimmst Verantwortung, musst aber auch Antworten geben. Und du wirst nur auf Dauer ein erfolgreicher Bürgermeister sein, wenn du wirklich normal bleibst und den Menschen zugewandt bist. Aber ich bin auch erblich vorbelastet. Mein kürzlich verstorbener Vater war fast 20 Jahre im Gemeinderat. Kommunalpolitik fand bei uns am Esszimmertisch statt.

In 20 Jahren gab es bestimmt auch den ein oder anderen Tiefpunkt?

Remshalden ist Nachbargemeinde von Winnenden. Die Ereignisse rund um den Amoklauf – auch aus meiner Gemeinde besuchten einige Schüler die Albertville-Realschule – werde ich nie vergessen und haben mich tief bewegt. In Biberach hätte ich bis vor Kurzem nur das Hochwasser im Jahr 2016 genannt. Nun sind leider die tragischen Ereignisse vom Wochenende am 12./13. Januar hinzugekommen, die auch weite Teile der Bevölkerung intensiv beschäftigen. Generell muss man natürlich auch mit Tiefschlägen zurechtkommen, man fühlt sich nicht immer gerecht behandelt und muss zuweilen seinen breiten Rücken für Dinge zur Verfügung stellen, die nicht der eigenen Vernunft entsprungen sind.

Wo es Negatives gibt, da gibt es vielleicht auch Highlights?

Hoffentlich: Mein persönliches Highlight war die Wahl zum Oberbürgermeister hier in Biberach am 30. September 2012. In beiden Kommunen, denen ich vorstehen durfte und darf, ist es gemeinsam mit dem Gemeinderat gelungen, die Infrastruktur weiterzuentwickeln, Menschen zusammenzubringen, für ein meist gutes Klima in den Gremien zu sorgen und dadurch ein gedeihliches Miteinander zwischen Verwaltung und Gemeinderat zu ermöglichen. Das fällt dir allerdings nicht zu, da musst du immer daran arbeiten. Zu weiteren Highlights zähle ich auch die vielen Begegnungen hier in Biberach und in unseren Partnerstädten. Was mich besonders freut ist die Begleitung unserer Mitarbeiter: zu sehen, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich entwickeln, vorwärtskommen und zunehmend auch selber Verantwortung übernehmen, das ist mir wichtig und zentrale Führungsaufgabe. Außerdem habe ich eine riesige Freude daran, das Schützenfest zu begleiten, das ist für mich jedes Jahr eigentlich der Höhepunkt.

Wie geht Ihre Familie mit Ihrer Aufgabe um und wie bekommen Sie zeitlich alles unter einen Hut?

Eigentlich ist es für Jugendliche ein Albtraum, einen Vater zu haben, der eine öffentliche Person ist. Ich bin stolz darauf, wie unsere beiden Kinder damit umgehen. Ansonsten ist das Herz unserer Familie meine Frau, die mit ihrer ausgleichenden Art bei mir mitunter direkt gefordert ist, wofür ich sehr dankbar bin. Ohne Terminkalender geht natürlich gar nichts und das zwängt in ein Korsett, mit dem man lernen muss, umzugehen. Schwierig ist es auch, Abstand zur Aufgabe zu bekommen, denn ich fühle mich 365 Tage im Jahr meiner Stadt verantwortlich und verpflichtet.

Oberbürgermeister Norbert Zeidler