23.04.2021

Geschichten über die Befreiung des Lagers Lindele

#geschichtenderbefreiung
Insgesamt sechs berührend zu lesende Geschichten über Menschen, die zur Zeit der Befreiung im Lager Lindele interniert, teils auch inhaftiert waren, werden im April und Anfang Mai über Instagram unter dem Hastag #geschichtenderbefreiung zu lesen sein. Auch auf dem städtischen Facebook-Kanal werden die Geschichten veröffentlicht. Sie erinnern an die 76. Wiederkehr der Befreiung dieser über 1000 Personen und mahnen gegen das Vergessen.
Modell des Lager Lindele bei Biberach

Unter dem Hashtag #geschichtenderbefreiung haben die niedersächsischen Gedenkstätten „Gestapokeller und Augustaschacht“ sowie die KZ-Gedenkstätte Moringen eine Initiative zu einem erinnerungskulturellen Social-Media-Projekt gestartet und mittlerweile bundesweit zur Beteiligung aufgerufen.

Es sollen Geschichten der Befreiung vom Nationalsozialismus erzählt werden. Durch deren gemeinsame Präsentation über den Hashtag wird die Sichtbarkeit der Initiativen und Gedenkstätten insgesamt erhöht.

Gleichzeitig soll menschen- und demokratiefeindlichen Herausforderungen entgegengetreten werden. Noch bis zum zentralen Gedenktag am 8. Mai sind alle Gedenkstätten und Initiativen, die an NS-Verbrechen erinnern, zur Teilnahme eingeladen, Geschichten der Befreiung aus nationalsozialistischen Lagern und Haftstätten zu veröffentlichen.

In Folge dessen haben der Guernsey-Freundeskreis im Verein Städte Partner Biberach, das Stadtarchiv und das Biberacher Kulturamt in den gesammelten Materialien und Büchern nach passenden Geschichten über die Befreiung des „Lagers Lindele“ gesucht.

Die ausgewählten Geschichten können nachfolgend nachgelesen werden.

Das Lager Lindele bei Biberach

Das Lager Lindele bei Biberach diente nach seiner Einrichtung 1939 zunächst der Unterbringung einer Kompanie der Deutschen Wehrmacht, anschließend nacheinander als Gefangenenlager für französische und dann englische Offiziere sowie über den Winter 41/42 als Lager für russische Kriegsgefangene und anschließend noch serbo-kroatische Offiziere.

Ab September 1942 werden rund 1.000 britische Bürger von den besetzten Kanalinseln in das „Lager Lindele“ nahe der Stadt Biberach an der Riß / Baden-Württemberg gebracht. Mit Stacheldraht und Wachtürmen gesichert, leben die oft als Familien angekommenen Internierten in den Baracken des früheren Kasernenlagers getrennt in Männer- und Frauen / Kinder-Baracken.

Ab Dezember 1942 wird das Lager durch die württembergische Schutzpolizei bewacht. Von da an erhalten die Deportierten das Recht, die innere Lagerverwaltung selbst zu organisieren und einen Lagerführer zu wählen, der den Kontakt zur deutschen Lagerverwaltung hält.

Ab Dezember 1942 bekommt das Lager Hilfslieferungen vom Internationalen Roten Kreuz, ab Mai 1943 sind bewachte Spaziergänge außerhalb des Lagers möglich, einige Internierte helfen in Biberacher Gärten aus. Es ist ein historischer Glücksfall, dass zwischen einigen unschuldig von den Kanalinseln Deportierten und Biberacher Familien Freundschaften entstehen.

Im November 1944 treffen zwei Zugtransporte mit Juden aus Bergen-Belsen ein – Menschen in einem oft schockierenden Gesundheitszustand. Ein Teil dieser Menschen bleibt im Lager Lindele.

Am 23. April 1945 wird das Lager von der französischen gaullistischen Armee befreit.

Als Kind im Lager Lindele: Stephen Matthews

Stephen R. Matthews wurde als sechsjähriger Junge mit seinen Eltern Eileen und Cecil Matthews von der Kanalinsel Guernsey deportiert. Über das Transitlager Dorsten kam die Familie im Winter 1942 in das Internierungslager bei Biberach an der Riß.

Stephen Matthews hat 2016 seine Erinnerungen und die Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter im Buch „The day the Nazis came“ veröffentlicht. Seine Mutter schreibt über die Befreiung des Lagers am 23. April 1945:

„… Die meisten Leute nahmen ihre Hocker und blieben mit den Kindern in den Gängen der Baracken, wo die Wände ganz stark waren, aber Cecil und ich und Stephen wollten selber sehen, was los war, wobei wir keinen Moment daran zweifelten, dass wir das lebend überstehen würden. Da geschah es, dass wir beide eine wunderbare Stille erlebten, und wir wussten, alles wird gut. Während dieser langen Zeit des Wartens hielten Cecil und ich uns nur bei der Hand, und das war ein seltsames, beruhigendes Gefühl. Es war, als ob wir nicht allein wären.
Wir schauten uns minutenlang an, bevor wir etwas sagten, denn diese Erfahrung war so überwältigend. Wir wollten einfach nur beisammen sein, Hände halten, obwohl Waffen gefeuert wurden und alles um uns herum vor Rauch schwarz war – aber wir fürchteten uns nicht. (S.254)
….
Kurz nach 18.00, als es ruhiger wurde, kam einer der französischen Kommandanten ins Lager und war bass erstaunt, Windeln an der Leine hängen zu sehen und zu begreifen, dass Frauen und Kinder in der Schusslinie gewesen waren. Er erklärte uns, dass wir noch immer sehr vorsichtig sein sollten, da viele Heckenschützen in der Gegend seien.
Zu unserer großen Freude konnten wir mitansehen, dass alle SS-leute, abertausende, zusammengetrieben wurden, die sich im Wald (natürlich nicht ‚Schwarzwald‘!) versteckt hatten. Sie wurden alle in ein Feld getrieben und an jeder Ecke von französischen Panzern umstellt. Es herrschte viel Aktivität, und allmählich fühlten wir uns bei Nacht viel sicherer, besonders, weil wir nun die Nachrichten von BBC hören konnten. (S.255)


Zitat aus „The Day the Nazis Came – Erinnerungen von Stephen Matthews“, ISBN: 978 1 78606 128 7

Lager Lindele: Baby Irene bringt den Frieden

Die Eltern von Irene Shorrock, geborene Barrett, waren mit zwei Söhnen im Internierungslager Lindele in Biberach interniert. Irene Shorrock erzählt aus den Erinnerungen ihrer Eltern:

„Im März 1945 erfuhr meine hochschwangere Mutter vom Lagerarzt, dass das Biberacher Krankenhaus mit verwundeten Soldaten voll belegt sei und infolge knapper Transportmöglichkeiten sei entschieden worden, dass sie zur Geburt ihres Kindes in die nächste Stadt, Ochsenhausen, kommen sollte.

Aber auch das Krankenhaus dort war voller verwundeter Soldaten, so dass das Kloster als Hospital genutzt wurde und sie deshalb dort untergebracht würde. Sie beschrieb das Kloster als wunderschönen Aufenthaltsort mit herrlichen Jugendstilfiguren und dergleichen. Auch machte es Spaß in den Gärten zu spazieren und zu entspannen.

Täglich erhielt sie Briefe von meinem Vater mit Beschreibungen der täglichen Ereignisse im Lager Biberach und wie es den beiden Jungs, Terence und Michael, in der Schule erging, usw. Das blieb so von Ende März bis zu meiner Geburt am Donnerstag, 26. April 1945.

Sie erwähnte auch, dass die Nonnen sie sehr umsorgten und dass ein Ortsgeistlicher sie und andere Patienten auf der Station besuchte. Mittlerweile schrieben ihr auch einige Freunde aus dem Lager, und mein Vater berichtete immer, dass sie täglich nach meinem Befinden fragten.“

Nach der Geburt wurden Mutter und Kind zur Sicherheit in den Keller gebracht, denn die Franzosen waren im Anzug. Ein französischer Offizier kam wohl bald danach in den Keller und erklärte, Ochsenhausen sei befreit und mein Vater und die beiden Brüder seien auf dem Weg, nachdem das Lager Lindele schon am 23. April befreit worden war.

Eine der Nonnen hatte wohl irgendwann gefragt, wie das Kind denn heißen solle. Da die Familie irischen Hintergrund hatte, war abgesprochen: wenn ein Junge, dann Patrick, wenn ein Mädchen, dann Patricia.

Die Nonne meinte dann, ob sie das Mädchen nicht IRENE (griechisch = Friede) nennen wollten, denn „sie hat uns den Frieden gebracht“. Nun heißt sie Irene Patricia.

Thomas A. Remfrey über die Befreiung des Internierungslagers Lindele

Thomas A. Remfrey kam als sechsjähriger Junge 1942 mit seinen Eltern von der Kanalinsel Guernsey ins Lager Lindele bei Biberach. Er schreibt in seinen „Erinnerungen eines Jungen von der Kanalinsel Guernsey“ über die Befreiung des Lagers. Hier ein Auszug in der Übersetzung von Reinhold Adler, Fischbach:

Die Befreiung des Internierungslagers Biberach 1945

Der Montag, 23. April 1945, fing hell und sonnig an. Die Hakenkreuzfahne, unter der wir fast fünf Jahre gelebt hatten, war eingezogen. Über dem Lager flatterte das englische St. Georgs-Kreuz. Um die Mittagszeit kündete das Dröhnen von Motoren eine Reihe alliierter Panzer an, die von Westen nicht auf der Straße, sondern beiderseits über die gepflügten Felder auf das Lager zufuhren.

Auf einmal wurden sie von ein paar Bauernhöfen und Heuhaufen südlich des Lagers aus beschossen. Die Panzer hielten an, erwiderten das Feuer, zerschossen die Gebäude sofort. Verirrte Kugeln und Splitter sausten umher und im Lager ging jeder in Deckung, aber niemand wurde verletzt. Das Kampfgeschehen zog am Lager vorbei.

Nach etwa drei Stunden war der Höhepunkt des Kampfes vorüber. Am späten Nachmittag erschien ein französischer Offizier in einem Stabswagen und wurde begeistert umringt, als er im Lager herumfuhr. Wir waren frei! Internierte, Christen wie Juden, Briten, Griechen, Slawen, Holländer, Amerikaner, Polen, Italiener und Südamerikaner zweifelhafter Nationalität sausten im Lager herum, umarmten einander und fühlten sich großartig.

Es dauerte nicht lange, dann war der Notgenerator angeworfen und wir lauschten dem wunderbaren Klang der BBC bis spät in die Nacht hinein. Einige Leute standen oder saßen einfach auf dem Appellplatz und hörten zu. Alles war so neuartig! Unsere Lagerpolizei schloss die äußeren Lagertore ab und der wunderbarste Tag in unserem Leben wurde die ganze Nacht über mit Partys gefeiert.

Die Öfen in den Zimmern waren glutrot vor Hitze, alles was brennbar und deutsch war wurde verbrannt. Es gab keine Sperrstunde, keine Appelle, aber auch keinen Strom und kein fließendes Wasser. Nur Kerzenlicht, die Wahrheit des BBC und Spekulationen darüber, wohin wir gehen würden, wenn wir Deutschland verlassen würden.

Trauer? Ja, es gab auch traurige Momente. Bald aber würden wir nach zwei Jahren und acht Monaten Gefangenschaft hinter Stacheldraht, die uns die bösen Deutschen aus unerfindlichen Gründen auferlegt hatten, nach Hause zurückkehren.

Befreit wurden auch die anderen Internierungslager. Wurzach und Liebenau am 28. April durch die Franzosen und Laufen am 4. Mai durch amerikanische Truppen.

Unsere Befreier gehörten zu den gaullistischen Truppen des Freien Frankreichs und ihre Kampftruppen waren Marokkaner.

Am 25. April trafen zwei britische Offiziere ein, um das Lager zu übernehmen. Gute Nahrungsmittel der Alliierten kamen nun ins Lager und auf wundersame Weise wurden deutsche Bäckereien dazu gebracht, frisches Weißbrot zu liefern.

Da wir uns damit abfinden mussten, mindestens noch einen Monat im Lager Biberach zu verbringen, richteten sich die Menschen darauf ein, auf das Ende des Krieges und die erhoffte Verlegung in das Vereinigte Königreich per Flugzeug zu warten.

Wir hörten die Nachrichtensendungen des BBC und erfuhren, dass die vollständige Kapitulation der Deutschen am 8. Mai um 11.01 Uhr stattfinden würde. Und so war es dann auch.

Einen Tag später, am 9. Mai, hörten wir alle, wie Winston Churchill bekannt gab, dass alle feindlichen Handlungen beendet seien und dass „unsere lieben Kanalinseln heute auch befreit werden“ würden. Was für ein Jubel! Wir umarmten uns und Hüte wurden in die Luft geworfen. Nun war für uns der Krieg zu Ende, und da uns auf dem Weg nach England kein deutscher Jäger mehr abschießen konnte, würden wir vielleicht schneller als erwartet heimkehren. Nein, so ein Glück!

Lager Lindele: Caroles Wheatleys Mutter schrieb am 14. Mai 1945 nach Hause

Marjorie Ashton (Guernsey) war mit ihrer Familie im Lager Lindele interniert. Sie hat am 12. April 1943 im Biberacher Krankenhaus ihre Tochter Carole, heute verheiratete Wheatley, zur Welt gebracht. In den gleichen Tagen wurde im Biberacher Krankenhaus Hans Peter Reiser geboren. Seine Mutter und Marjorie Ashton teilten dort das Zimmer – eine Freundschaft entstand, die heute schon über vier Generationen anhält.

Caroles Wheatleys Mutter schrieb am 14. Mai 1945 nach Hause:
(Übersetzung von Rotraud Rebmann)

Meine liebe Mama,
Ich habe einige Briefe an Dich geschrieben, seit wir am 23. April befreit wurden, aber ich bezweifle, ob einer davon angekommen ist. Deshalb wiederhole ich, was ich zuvor geschrieben habe.

Am 23. April kam es außerhalb des Camps zu Kämpfen und die Franzosen befreiten uns. Du kannst Dir unsere Freude vorstellen. Wir sind allerdings immer noch hier wegen der Transportprobleme. Wir weinten fast vor Freude, als wir am Samstag hörten, dass ihr Zulieferungen bekamt.

Ich weiß, was ihr mitgemacht habt, seit wir zum letzten Mal im Juli letzten Jahres von Dir hörten. Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammen sein werden. Wir müssen eine Menge Papierkram erledigen, bevor wir hier weg gehen. Jedes Familienoberhaupt muss vom englischen Konsul befragt werden, bevor er einen Pass bekommt. Eddie war gestern schon bei ihm und alles ist in Ordnung. Sie sagen wohl, dass wir einige Monate in England bleiben müssen, bevor wir nach Guernsey zurückgehen können. Eddie wird sich also um einen zeitweiligen Job bemühen müssen. Ich hoffe, er wird schließlich etwas auf der Insel finden.

Ich habe nur 10 Minuten Zeit, um diese Zeilen zu schreiben – entschuldige deshalb die Schrift. Jetzt, da wir befreit sind, können wir allein das Camp verlassen zu Spaziergängen und Picknicks, was ein echtes Geschenk ist, nachdem wir immer nur mit Geleit ausgehen durften.

Ich habe Glück gehabt und eine Dauerwelle bekommen, da ein Mädchen, das mit mir im Krankenhaus war, eine Friseurin in der Stadt ist. Sie hat mir zuliebe auch Mrs Hollings die Haare gemacht. Wir haben sie neulich besucht und ihre Eltern kennengelernt und bei ihnen in der Wohnung zu Mittag gegessen.

Wir können auch ein bisschen einkaufen. Ich kaufte einen Hut (den ersten in fünf Jahren) und auch einen Sonnenhut für Carole und Rosemary. Es tut mir leid, dass ich nichts für Dich finden konnte, aber ich weiß, Du wirst verstehen, dass es schwierig ist. Mrs Pealing und Mrs Dalzell wollten beide einen Hut. Ich ging also und kaufte jeder einen, da es fürchterlich anstrengend ist in die Stadt zu gehen und ein großer Aufwand mit den Einkaufsgenehmigungen.

Eddie, Carole und mir geht es sehr gut und wir sind gebräunt von der Sonne. Ich wog 9 Stone und 5 Pfund (etwa 60 kg), als ich zum letzten Mal gewogen wurde, aber wir haben zurzeit eine Hitzewelle und ich vermute, ich habe etwas abgenommen.

Wir hatten Glück gehabt, dass wir einen Fotoapparat und einen Film bekommen haben, sodass ich Dir diesen Schnappschuss von Carole schicken kann, der letzte Woche entstanden ist.

Ich hoffe, wir werden bald alle von hier wegkommen

Gott schütze Euch alle
Eure Euch liebende Marjorie

Margret Rose - Beyond the wire

Erst als Margaret Rose auf Einladung von ihren Kindheitserfahrungen im Biberacher Lager berichtet, wird ihr nach und nach klar, dass ihre Geschichte vielschichtiger ist als ihr je bewusst war.

Bei der Dokumentation jener kriegsverworrenen Jahre bringt BEYOND THE WIRE (Jenseits des Stacheldrahts) nicht nur die illegale Deportation von nahezu dreitausend Kanalinsel Bewohnern ans Licht, sondern beleuchtet auch das Leben eines der vielen vergessenen Gefangenen des Krieges, von Margarets eigenem Vater, Frederick Charles Cockayne.

Im Buch wird die Befreiung des Lagers beschrieben:

„Nervosität herrschte im Lager am 23. April 1945, da kleinere Gefechte um das Lager wahrgenommen wurden und die Internierten sicher gehen wollten, von den Franzosen als solche wahrgenommen zu werden.

Wir hängten alles Mögliche in Weiß auf den Stacheldraht und Tante Ol holte die Britische Flagge aus meiner Matratze, wo sie dieselbe versteckt hatte. Die Deutschen verschwanden alle, und die Franzosen fuhren unter lautem Jubel ins Lager ein. Es war der 23. April, St Georgs Tag, an dem wir befreit wurden. Die Nazi Fahne wurde beseitigt und mit Jubelrufen wurden die Guernsey Fahne und die Englische Fahne oder Sankt Georgs Fahne gehisst. Offiziere befragten uns einzeln und gaben uns Ausweise. Am nächsten Tag gingen mein Vater und ich Hand in Hand aus dem Lager. Überall waren Zeichen jüngster Zerstörung und Kämpfender, die sich zurückgezogen hatten.“

Margret Rose trifft einige Tage nach der Befreiung des Lagers die beiden Familien, in deren Gärten ihr Vater Frederick Charles Cockayne während der Internierung einige Mal ausgeholfen hat. Sie beschreibt, ihr Vater und sie wurden von den Biberacher Familien aufs Wärmste begrüßt, und Margaret bekam von der nur wenige Monate älteren Tochter Marianne Schoeck ein Osterei geschenkt, auf dem Frühlingsblumen gemalt waren. „Es war das hübscheste Ding, das ich in Jahren gesehen hatte und ich trug es in beiden Händen haltend zurück und trat vorsichtig auf aus Angst, ich würde es fallen lassen. Auch Tante Ol war gleichermaßen erfreut, als ich es ihr zeigte, aber aus anderen Gründen. Sie wollte es kochen und sofort aufessen. Ich war entsetzt. Mein wunderhübsches Ei, und selbst wenn ich genauso hungrig war wie sie, ich wollte es nicht hergeben für einen Topf heißen Wassers. Wir stritten einige Tage, doch schließlich gab ich nach, und es wurde gekocht und löffelweise geteilt. Ich vergaß die hübschen Bilder sehr schnell, während ich das wirklich köstliche Ei verkostete. “ S. 151/2

Auszug aus dem Buch “BEYOND THE WIRE, THE FORGOTTEN PRISONERS OF BIBERACH” von Drusilla Carr, ISBN: 9798689943305, erschienen im November 2020

Marietta Moskin über die Befreiung des Lagers Lindele

Marietta Moskin (geb. Brenner) wurde am 30. April 1928 als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren. Aufgrund der zunehmenden Diskriminierung von Menschen jüdischer Abstammung durch die Nationalsozialisten wanderte die Familie in den 1930er Jahren nach Amsterdam aus.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940 begann auch in Holland die Verfolgung. 1943 wurde die Familie in das holländische Konzentrationslager Westerbork eingeliefert, und weiter in das Austauschlager Bergen-Belsen.

Danach kamen Moskin und ihre Eltern in das Internierungslager ‚Lindele‘ in Biberach an der Riß. Dort erlebten sie die Befreiung am 23. April 1945 durch französische Truppen. Nach längerem Aufenthalt im UN-Lager Jordanbad konnte die Familie 1946 in die USA auswandern.

1972 schrieb Moskin ihren autobiografischen Roman ‚I am Rosemarie‘, der 2005 von Biberacher Schülern unter der Leitung von Wolfgang Horstmann und Reinhold Adler ins Deutsche übersetzt wurde. Marietta Moskin starb 2011 in New York City.

Marietta Moskin beschreibt die Befreiung des Lagers wie folgt:

„Donnernde Einschläge ganz in der Nähe. „Die Alliierten!“, sagte Papa. „Hoffentlich wissen sie, dass hier ein Gefangenenlager ist.“ Wieder eine Reihe ohrenbetäubender Detonationen. „Sie schießen auf uns!“, brüllte jemand. […] Eine weitere Salve ließ uns erbeben. Doch dann hörten wir laut und deutlich eine Frauenstimmte: „Sie sind da! Sie sind da! Die Befreier sind da!“
Mir lief ein Schauer den Rücken hinab. Die Befreier! Endlich!

„Schwenkt etwas Weißes“, rief die Frau wieder, „ein Taschentuch, einen Schal, egal was!“
Die Menge geriet in Bewegung. Schneller und schneller. Wir liefen zum Zaun, der das Lager von den angrenzenden Kartoffelfeldern trennte. Auch ich rannte, mitgerissen von der Menge, kramte in meiner Tasche nach einem Tuch oder irgendetwas anderem, womit ich winken konnte. Niemand, weder ich noch die anderen, dachte daran, dass die Kugeln der Alliierten auch uns treffen könnten.
Vor dem Zaun fuhren die Panzer, die geschossen hatten, immer noch durch das junge Kartoffelfeld. […]

Doch sie schossen nicht mehr. Sie mussten unsere wehenden Tücher gesehen und verstanden haben.
Mir schien alles so unwirklich. Wie eine Filmszene. Wie ein Traum. Einfach zwei Panzer auf einem sonnigen Feld. Und das war unsere Befreiung? […]

Dann röhrte ein staubiger Jeep in den Innenhof. Mr Cunningham [der englische Lagerführer] sprang heraus, gefolgt von dem Fahrer, einem jungen, französischen Sergeanten in gleichfalls staubigem Kampfanzug. […] Sein Khakihemd war zerknittert und sein schmales Gesicht wirkte erschöpft und angespannt unter seinem schmutzigen Helm: ein schüchterner und verlegener Botschafter der Alliierten.
Dass ich mit den anderen schrie, merkte ich erst, als meine Kehle rau und trocken war. Aber egal, ich krächzte meine Begeisterung weiter heraus, bis der französische Sergeant seine Arme hob und um Ruhe bat. […]

„T’ank you“, sagte er mit seinem starken französischen Akzent. „T’ank you all very much.“ […]
Neben mir weinte in all dem Jubel eine Frau. Ihr Mann war gleich in den ersten Tagen hier gestorben. Und ihre Tränen gemahnten mich an Oma. Gemahnten mich an jeden, der diesen Tag nicht mehr erleben durfte.

Aber dann beförderte ich diesen Schmerz in die abgelegenste Ecke meines Hirns. Freuen wollte ich mich! Trauern konnte ich später. […]

Dann war er weg, saß wieder in seinem Jeep und fuhr in Richtung Stadt. […] Noch ganz im Banne des Augenblicks, schaute ich ihm nach. Dieser kleine Mann mit seinem schüchternen „T’ank you“ hatte tief in mir etwas berührt. Er war ein Symbol. Er war Sieg, Befreier, Freiheit, Friede – alles in einer Person.
Friede! Und auf einmal musste ich lachen: Friede wird für mich nie eine Taube mit Ölzweig sein oder ein Engel mit goldenen Flügeln. Mein Friede trug ein Khakihemd, einen staubigen Helm und Armeestiefel! Und er war Franzose.“

Zitat aus: Marietta Moskin: Um ein Haar – Überleben im Dritten Reich, 2005, München: cbt Verlag, Seite 256-260, ISBN 3-570-30212-1