16.12.2021

Elektrifizierung Südbahn: Aus einer Vision wird endlich Realität

Es ist geschafft! Nach schier endlosen Planungen und knapp vier Jahren Bauzeit ist die Südbahn seit 12. Dezember elektrifiziert und damit auch Oberschwaben, was den Zugverkehr betrifft, endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Zwischen Ulm und dem Bodensee sollen ab jetzt nur noch elektrische Lokomotiven und Triebwagen fahren. Wir haben unterschiedliche Personen um Stellungnahmen gebeten.
Südbahn-Elektrifizierung

Biberachs Oberbürgermeister Norbert Zeidler

Herr Zeidler, die Südbahn ist in Betrieb. Wie fühlen Sie sich bei dieser Nachricht?

Von Max Weber stammt der berühmte Satz, die Politik sei „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“. Das trifft auf wenige Projekte in unserer Region so zu wie auf die Südbahn. Daher ist auch der Generation von Verantwortungsträgern vor unserer Zeit herzlich zu danken. Wir haben damit die Möglichkeit, endlich die Regio-S-Bahn zum Rollen zu bringen – zudem werden die Biberacher und Biberacherinnen bald binnen einer Stunde in der Landeshauptstadt sein können.

Das ist ein Quantensprung, denn damit wird Biberach auch für Pendler in die Hauptstadt ein interessanter Lebensmittelpunkt. Deswegen müssen wir seitens der Stadt die „Mobilitätsdrehscheibe Bahnhof“ diesen veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Zusammengefasst: In einer Zeit weniger Glücksmomente ist diese Nachricht ein echter Lichtblick – schade, dass die Inbetriebnahme so „heimlich, still und leise“ über die Bühne gehen musste: Denn – „nach Stuagart, Ulm und Biberach – geht‘s mit 160 Sach!“

Biberachs Baubürgermeister Christian Kuhlmann

Herr Kuhlmann, ohne den Interessenverband Südbahn wären wir heute nicht so weit. Sehen Sie das auch so?

Auf Initiative des Regionalverbandes Bodensee-Oberschwaben wurde am 24. Juni 2006 der Interessenverband Südbahn gegründet. Die Stadt Biberach ist Ende 2006 dem Interessenverband beigetreten und seitdem aktiv am Planungs- und Bauprozess beteiligt. Als Vertreter der Stadt im Interessenverband habe ich das Projekt von Anfang an begleitet. Im ersten Schritt wurde in Abstimmung mit Bund und Land durch den Interessenverband eine Vorplanung auf den Weg gebracht, mit dem Ziel, möglichst bis 2010 in das Ausbauprogramm des Bundes aufgenommen zu werden. Ende 2021 haben wir das Ziel erreicht.

Auf dem Weg dahin gab es viele Hürden zu nehmen, galt es Widerstände zu überwinden, Finanzierungsfragen zu klären, um schließlich 2011 mit dem Planfeststellungsverfahren, das die Bahn durchgeführt hat, beginnen zu können. Dies wurde 2015 abgeschlossen. Eine weitere entscheidende Hürde wurde Ende 2015 genommen. Zwischen Bund und Land wurde eine Finanzierungsvereinbarung geschlossen, die Basis für weitere Planungen und schließlich den Bau war. Der Bau selbst, durch die DB professionell organisiert, lief dann relativ reibungslos.

Ohne das beharrliche und engagierte Wirken des Interessenverbandes in der Region in der Landes- und Bundespolitik wären wir heute nicht an diesem Punkt. Das ist für mich, neben der Elektrifizierung selbst, das besondere Highlight. Nur durch das gemeinsame Kämpfen vieler Kommunen entlang der Südbahn, zweier IHKs und Regionalverbände, die sich im Interessenverband zusammenfanden, konnte aus der Vision Realität werden. Übrigens ist in ähnlicher Konstellation vor 170 Jahren auf Betreiben der Kommunen in der Region die Südbahn überhaupt erst gebaut worden.

Erster Bürgermeister Ralf Miller, zu dessen Arbeitsschwerpunkten die heimische Wirtschaft gehört.

Herr Miller, welche Vorteile bringt die Südbahn für die Biberacher Firmen?

Die verkehrliche Erreichbarkeit über Schiene und Straße und die Anbindung an das überregionale Verkehrsnetz ist ein ganz zentraler Standortfaktor. Dies ist unabdingbar für die weitere Entwicklung des Wirtschaftsstandorts. Mit der Elektrifizierung der Südbahn, dem mittelfristig verbesserten Fahrplanangebot und dem Ausbau des Schienennetzes zum Flughafen Stuttgart und der Landehauptstadt lassen sich die Wegezeiten deutlich verkürzen. Zusammen mit den Straßenbauprojekten Aufstieg zur B 30 und Ausbau der Ost-West- Achse B 312 wird die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts weiter wachsen.

Mit den Projekten schaffen wir einen zuverlässigen und kurzen Zugang an das überregionale Verkehrsnetz. Eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur ist beste Wirtschaftsförderung, da Wege- und Transportzeiten verkürzt und damit auch die Ansiedlung sowie Erweiterungen von Wirtschaftsbetrieben gefördert werden. Auch für die Fachkräftegewinnung ist eine gute und attraktive Verkehrsanbindung ein zentraler Punkt. Kurzum, ich freue mich sehr, dass mit der Elektrifizierung der Südbahn ein für die Region zentral wichtiges Infrastrukturprojekt abgeschlossen werden konnte.

Petra Engstler-Karrasch, Hauptgeschäftsführerin der IHK Ulm

Die IHK hat sich über viele Jahre für die Elektrifizierung stark gemacht. Welche positiven Auswirkung hat die Südbahn konkret auf die Region Oberschwaben?

Mit der Elektrifizierung der Südbahn haben wir nun eine weitere leistungsfähige Bahnverbindung zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich. In Verbindung mit der Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm werden sich die Reisezeiten von und nach Stuttgart oder umgekehrt über unsere Region bis an den Bodensee deutlich verkürzen. Auch ist nun mit Abschluss der Baumaßnahmen eine der letzten dieselbetriebenen zweigleisigen Hauptstrecken Deutschlands Geschichte.

Es war ein langer und rund 25 Jahre andauernder, teils steiniger Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Deshalb freuen wir uns jetzt umso mehr den Abschluss der Elektrifizierung feiern zu können. Ulm als wichtiger Knotenpunkt im Fernverkehrsnetz mit der modernisierten Südbahn über Biberach stärken die Standortattraktivität der Kommunen entlang der Strecke und sind damit Garant für eine weitere gute wirtschaftliche Entwicklung unserer Region. Deshalb setzten sich die beiden IHKs Bodensee-Oberschwaben und Ulm gemeinsam mit der kommunalen Seite unermüdlich für das Projekt ein.

Friedrich Kolesch, Vertreter der Wirtschaft im Interessenverband Südbahn, der das Projekt begleitet hat.

Herr Kolesch, mit welchen Erwartungen sind Sie als Wirtschaftsvertreter ins Verfahren gestartet und wie beurteilen Sie nun das Ergebnis?

Als Vertreter der IHK Ulm, die sich mit Beitragsgeldern ihrer Mitglieder beteiligt hat, durfte ich im Vorstand des Interessenverbandes Südbahn gemeinsam mit Landrat Wölfle vom Bodenseekreis das Projekt an vorderster Front begleiten. Unsere Erwartung war, dass Oberschwaben eine moderne und zukunftssichere Bahnstrecke mit hervorragender Bedienung und guten Anschlüssen erhält. Dieses Ergebnis werden wir erreichen, allerdings nicht sofort. Schon jetzt gibt es Verbesserungen mit mehr Zügen, etwas moderneren Wagen, dem Start der Regio-S-Bahn und natürlich einer Bahn, die wesentlich klimaschonender unterwegs ist.

Die entscheidenden Fortschritte werden wir aber Ende 2025 sehen, wenn die neue Schnellbahnstrecke mit der Eröffnung von Stuttgart 21 komplett angebunden ist und die kommende Neuausschreibung unserer Strecke wirklich modernes Zugmaterial und deutlich mehr Verbindungen bringt. Wir können dann in einer Stunde von Biberach die Stuttgarter Innenstadt oder den Flughafen erreichen. Es wird stündliche umsteigefreie Verbindungen geben, bei denen das Anschlussrisiko deutlich sinkt und der Komfort steigt.

In den letzten drei Jahren, als der Bau bereits lief, waren diese Themen die vorrangigen Handlungsfelder des Interessenverbandes. Es bedurfte vieler Gespräche, bis das Land zugesagt hat, die Südbahn sofort mit elektrischen Zügen zu bedienen und nicht noch zwei Jahre mit Dieselloks auf der ausgebauten Strecke zu fahren. Und auch die neuen Verbindungen ab 2025 mussten hart erkämpft werden. Insofern wird der Interessenverband auch die nächsten Jahre noch aktiv sein müssen, um mit der vereinten Kraft der Region dafür zu sorgen, dass die Zusagen auch wirklich eingehalten werden. Auf das bis jetzt Erreichte können wir stolz sein. Für Oberschwaben beginnt ein neues Bahnzeitalter.

Thomas Handtmann, Leiter der Unternehmensgruppe Handtmann

Hat die Elektrifizierung Auswirkungen auf den Warenverkehr der Firma Handtmann? Wirkt sich die Attraktivitätssteigerung eventuell auch positiv auf die Anwerbung von qualifizierten Arbeitskräften aus der Region aus (Stichwort: Pendlerverkehr)?

Nachdem die Gotthardbahn bereits vor 100 Jahren elektrifiziert wurde, haben wir die Elektrifizierung auch geschafft. Wir freuen uns, dass die Baumaßnahmen der Südbahn abgeschlossen sind. Nachdem unsere Beschäftigten, die mit der Bahn zur Arbeit kommen, während der Bauzeit erhebliche Einschränkungen, zum Beispiel durch den Schienenersatzverkehr in Kauf nehmen mussten, können sie jetzt die Vorteile der Elektrifizierung nutzen.

Darin sehen wir vor allem eine dichtere Taktung der Züge sowie neue Verbindungen. Unsere Geschäftsreisenden erwarten kürzere Wege zum Kunden und schnellere Anbindungen an die Flughäfen. Außerdem begrüßen wir den Umweltaspekt, den die Elektrifizierung mit sich bringt. Auch wünschen wir uns, dass daraus bessere Bedingungen für den Güterverkehr entstehen.